» » G8 vs. G9 – Der ewige Kampf

G8 vs. G9 – Der ewige Kampf

eingetragen in: Allgemein | 0

note-64057_640Seit über 10 Jahren streiten sich Eltern, Schüler, Politiker – eigentlich die ganze Nation – über die Frage: Was ist besser für unsere Kinder, G8 oder G9? Alle wichtigen Infos zum Thema und die Frage „Ist die Entscheidung zwischen G8 und G9 das Drama eigentlich wert?“ gibt’s hier.

Turbo-Abi?

In Thüringen und Sachsen gibt es schon seit 6 Jahrzehnten den 12-jährigen Weg durch die Schule. 9 Jahre Schulzeit am Gymnasium verbringen – in diesen Bundesländern ist das nur mit Ehrenrunde der Fall und stand als Standardlösung lange Zeit überhaupt nicht zur Debatte. Doch seit auch in westlicheren deutschen Bundesländern das vermeintliche „Turbo-Abi“ eingeführt wurde, diskutiert plötzlich und überraschend langanhaltend die Nation. Das achtjährige Gymnasium wird immer wieder mit Schulstress, überfüllten Lehrplänen, zu wenig Freizeit, Erschöpfung und einer weiteren langen Liste fürchterlich klingender Begrifflichkeiten in Verbindung gebracht. Doch was steckt wirklich hinter der Debatte, welche Vor- und Nachteile sind die wichtigsten? Wie berechtigt sind Zweifel, Kritik am System und Pläne, zum neunjährigen Gymnasium zurückzukehren? Und noch viel grundlegender: Ist die Entscheidung zwischen G8 und G9 das ganze Drama eigentlich wert? 

 

Die wichtigsten Vorteile des 8-jährigen Gymnasiums

DAS ALTER

Eines der wichtigsten Kriterien für die Entscheidung vieler Bundesländer zum 8-jährigen Gymnasium überzugehen, war das Alter der Abiturienten und Abiturientinnen, vor allem in Hinblick auf den internationalen Vergleich. Ein Jahr früher die Schule zu beenden sollte außerdem ermöglichen, eine Auszeit, z.B. ein freiwilliges soziales Jahr, zu nehmen oder einfach Zeit zum Jobben, Reisen, die persönliche Entwicklung und dafür sich selbst zu finden bieten. Hinzu kommt natürlich, das ein früheres Beenden der Schule auch zu einem schnelleren Start ins Studium, bzw. ins Berufsleben führt: das wiederum bietet mehr Zeit für eine Karriere und außerdem bedeutet es natürlich, eher Geld zu verdienen und in die eigene Rente einzuzahlen.

 

DIE UNTERRICHTSZEIT

Was einige hinsichtlich der längeren Nachmittage bemängeln, die G8-Schüler aufgrund der verdichteten Unterrichtsstunden in der Schule verbringen, ist für einige Eltern ein Segen. Durch den Nachmittagsunterricht sind viele Kinder gut aufgehoben, die sonst alleine zu Hause wären oder für die ein „Aufpasser“, eine Nachhilfe oder Ähnliches gefunden werden müsste, da die Eltern arbeiten müssen.

 

SCHNELL-LERNER PROFITIEREN

Wer sich in der Schule leicht tut, schnell lernt und mit dem zusätzlichen Stress, den das G8 mit sich bringt, locker umgehen kann, wird im G8 gefördert und gefordert.

 

Die wichtigsten Nachteile des 8-jährigen Gymnasiums

DAS ALTER

Die deutschen Abiturienten sind im internationalen Vergleich zu alt und deshalb nicht wettbewerbsfähig – das war eines der wichtigsten Argumente, die vor der Einführung des G8 die Runde machten. Seitdem wurde zusätzlich noch die Wehrpflicht abgeschafft und das Alter der Absolventen hat sich international angenähert. Für viele Schüler bedeutet das Jahr weniger in der Schule aber auch, dass sie mit gerade mal 18, teilweise sogar noch 17-jährig aus der Schule kommen, und vor der Entscheidung stehen, was sie jetzt mit ihrem Leben anfangen sollen. Für viele Praktika zum Ausprobieren verschiedener Berufswege war oft kaum Zeit, und die Möglichkeiten sind vielfältig. Viele Jungs und Mädels kommen gerade aus der Pubertät und müssen plötzlich solche wichtigen Entscheidungen, wie die Studienwahl, treffen. Da würde Einigen ein zusätzliches Jahr Bedenkzeit vielleicht doch gut tun. Übrigens haben Schüler im G9 im Schnitt mehr Zeit im Ausland verbracht, als G8 Schüler. Das Ziel, ein Jahr als Auszeit für Auslandsaufenthalte und Co. zu nutzen wurde durch das G8 also nicht erreicht.

 

DER STRESS

G8 gilt als extrem leistungsorientiertes Modell, laut repräsentativen Umfragen arbeiten Schüler dabei zwischen 44 und 55 Stunden die Woche. Das ist ein ausgewachsener Vollzeitjob. Zeit für, und vor allen Dingen Lust auf Hobbies, Freunde und Freizeitaktivitäten kann da schon einmal zu kurz kommen, vor allem da sich der Unterricht zwangsläufig auf die Nachmittagsstunden ausweitet. Die Frage ist jedoch berechtigt, ob dieser Stress tatsächlich am System selbst liegt, oder es eher an der Ausführung hapert. Überfüllte und vor allen Dingen überfällige Lehrpläne, die möglicherweise schlicht ausgemistet werden müssten, tragen sicherlich ihren Teil zum Stress beim „Turbo-Abi“ bei.

 

DIE QUALITÄT DER AUSBILDUNG

Immer wieder liest man davon, dass Lehrkräfte und Universitäten einen Qualitätsverlust im Lernstoff im G8 im Vergleich zum G9 beklagen. Zwischen 12 und 20 Wochenstunden Jahresunterricht sind mit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums ersatzlos weggefallen. Weniger Englisch- und Mathestunden, das Ausstreichen einiger „Klassiker“ aus dem Geschichtsbuch und andere Lücken tun sich da im Vergleich zum G9 auf, wo zum Üben und Vertiefen in der Klasse schlicht mehr Zeit bleibt. Mit der Zeit könnten essentielle Lücken aber möglicherweise ausgemerzt werden, indem schlicht die Prioritätensetzung in den Lehrplänen geändert wird. 

 

DIE UNTERRICHTSZEIT

Mehr Stunden in der Schule, weniger Zeit für Hausaufgaben, Lernen, Freizeit und Freunde stehen ganz oben auf der Liste der G8-Gegner. Während einige Eltern begrüßen, dass ihre Kinder, ähnlich wie in Ganztagsschulen, viele Nachmittage in der Schule verbringen, fluchen andere über die Mehrbelastung. Hinzu kommt, dass gerade auf dem Land, die verlängerten Nachmittage mit langen Heimfahrten für Buskinder verbunden sind, oder Eltern regelmäßig Fahrgemeinschaften bilden müssen, weil entlegenere Gegenden mit den Schulbussen gar nicht mehr angefahren werden.

 

Der aktuelle Status – wie sieht’s aus mit der Rückkehr zum 9-jährigen Gymnasium?

Nach langwierigen Diskussionen, Debatten und Streit zwischen G8-Befürwortern und –Gegnern haben einige Bundesländer tatsächlich entschieden, wieder zum neunjährigen Gymnasium zurückzukehren. Dazu gehört z.B. Niedersachsen . Andere Bundesländer, wie zum Beispiel Bayern und Nordrhein-Westfalen, bleiben beim Turbo-Abi nach nur acht Jahren. Dabei gab es beispielsweise in Bayern einen Modellversuch namens „Mittelstufe Plus“ (mehr Infos hier), der an einigen Schulen eine Wahl zwischen G8 und G9 ermöglichte, und für den sich zum Teil mehr als die Hälfte der berechtigten Siebtklässler angemeldet haben. Einen guten Überblick über die Situation in den einzelnen Bundesländern gibt es unter https://www.bllv.de/. Dabei zeigt sich, dass die Situation deutschlandweit nicht über einen Kamm geschert werden kann: Während in den neuen Bundesländern sowieso traditionell 8 Jahre Gymnasium an der Tagesordnung sind, entscheidet sich der Rest der Bundesländer ganz unterschiedlich zwischen G8, G9 und Wahlfreiheit zwischen beiden Systemen. Die Diskussionen halten jedoch an, vor allem in denjenigen Bundesländern, in denen die Verkürzung auf 8 Jahre Gymnasialzeit innerhalb der letzten 10-15 Jahre eingeführt wurde. 

Maria-4057

Ist die Entscheidung zwischen G8 und G9 das Drama eigentlich wert?

Acht Jahre Gymnasium, oder doch lieber neun? Soll ich meinem Kind den zusätzlichen Stress im achtjährigen Gymnasium antun? Oder hat es später Nachteile, wenn es ein Jahr älter ist als andere Abiturienten? Abitur mit 17 – weiß mein Kind da überhaupt schon, was es mit seinem Leben anfangen will? Langweilt sich mein Kind möglicherweise, wenn es neun Jahre im Gymnasium verbringt? 

Fragen über Fragen sind mit der G8-G9-Frage verbunden, die euch als Eltern immer wieder quälen. Tatsache ist jedoch, dass es in beiden Systemen, sowohl im G8 als auch im G9, Schüler gibt, die unter- oder überfordert sind. Manche sind mit 17 reifer, als andere mit 21. Manche wissen als 7-Jährige, womit sie ihr Leben verbringen wollen, andere sind sich da mit Mitte 30 noch nicht so sicher. Verwertbare Studien zur Debatte gibt es nur wenige, und die meisten davon widerlegen sich alle gegenseitig. Die einen wollen bewiesen haben, dass das G8 leistungsstärkere, motiviertere Abiturienten hervorbringt, die schneller und im internationalen Vergleich besser in ihre Karrieren starten. Andere sprechen von Überbelastung, Stress, ausgebrannten Teenagern. Schlicht – die Debatten, die seit Jahren darüber geführt werden, wiederholen sich in großen Teilen immer wieder und wenig davon basiert auf haltbaren Zahlen und Fakten. 

Ein gutes hat die ewige Debatte aber doch: Die momentane Situation, dass an vielen Schulen die Möglichkeit besteht, zwischen dem acht- und dem neun-jährigen Weg durchs Gymnasium zu wählen, könnt ihr als Chance betrachten. Wer, wenn nicht ihr, weiß, was für euer Kind am besten ist? Kindern, denen die Schule sowieso leicht fällt, die sich möglicherweise langweilen oder die genau zu wissen scheinen, was sie später mit ihrem Leben anfangen wollen wären vielleicht im 8-jährigen Gymnasium besser aufgehoben. Euer Kind gehört zu den Jüngsten seines Jahrgangs? Vielleicht ist es besser, ihm oder ihr ein weiteres Jahr in der Schule zu gönnen, das die Möglichkeit bietet, reifer zu werden, herauszufinden was man nach dem Abi anstellen will. Mit 17 oder 18 Jahren weiß mancher schon ganz genau, wohin sein Weg ihn führen soll, andere hingegen fühlen sich von der schier unüberblickbaren Menge an Möglichkeiten überrumpelt, und ein Jahr Bedenkzeit tut vielleicht ganz gut. 

Ich bin komplett gegen G8 bzw. G9, mein Kind hat aber keine Wahlmöglichkeit – Was nun?

In vielen Gegenden Deutschlands gibt es keine Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9, sondern nur eines der beiden Systeme. Einige Eltern fühlen sich mit der Situation konfrontiert, ihr Kind in ein System schicken zu müssen, von dem sie überhaupt nicht überzeugt sind. In dieser Lage solltet ihr euch vor allem bewusst machen, dass die Entscheidung zwischen G8 und G9 und die damit verbundenen Ängste und Sorgen in gewisser Weise unbegründet sind. Die Ausbildung in beiden Systemen ist gut, der Abschluss ist der Gleiche, und eure Kinder werden mit der Situation wachsen, wie sie auch aussieht. Das Einzige, was ihnen wirklich hilft ist euer Vertrauen in ihre Fähigkeiten und unermüdliche Motivation.

Doch letzten Endes wird ein Jahr hin oder her wohl kaum lebensentscheidende Auswirkungen auf den Erfolg, das Glück oder den Lebensweg eures Kindes nehmen können. Auch wenn ihr keine Entscheidungsgewalt darüber habt, ob euer Kind acht oder neun Jahre am Gymnasium verbringt, weil es in eurer Gegend keine Wahlmöglichkeit gibt, solltet ihr das Thema nicht überbewerten. Gerade mit den vielfältigen Möglichkeiten für Ausbildungswege und -formen, Möglichkeiten zum „Nachmachen“ des Abis oder anderen Abschlüssen, stehen so viele Wege offen, selbst wenn nicht alles auf Anhieb und so wie geplant klappt. Natürlich ist die Entscheidung zwischen G8 und G9 keine leichte Entscheidung, und es gibt dabei einiges zu beachten. Doch man sollte sie letzten Endes auch nicht wichtiger machen, als sie ist. Ein wichtiger Punkt ist auch dieser: G8 oder G9 – euer Kind wird den Unterschied nicht merken, denn es kennt nur das eine, oder das andere System. Und Kinder wachsen in ihre Aufgaben hinein und lernen aus den Anforderungen, die an sie gestellt werden. So werden z.B. längere Nachmittage in der Schule oder ein vergleichsweise höherer Lernaufwand häufig erst dann zum Problem und Störfaktor, wenn man sie thematisiert. 

„G8 vs. G9 – der ewige Kampf“ ist ein Thema, das uns wohl alle noch über die nächsten Jahre hinweg immer wieder einholen wird. Angesichts der Tatsache, dass die Diskussionen dazu seit langen Jahren einfach nicht abreißen wollen, haben wir hinsichtlich der endgültigen Entscheidungsfindung wohl noch einen langen Weg vor uns. Ich bin sicher, jeder von Euch hat seine ganz eigenen Meinung zum Thema, ihr habt vielleicht eure Erfahrungen mit beiden Systemen gemacht, die sich von Kind zu Kind unterscheiden. Erzählt mir davon! Ich freue mich über alle Fragen, Anregungen und Meinungen zum Thema! Bis dahin hoffe ich, ihr nehmt euch die Entscheidung nicht zu sehr zu Herzen, denn ich bin sicher, ihr werdet den richtigen Weg für euer Kind finden!

 

Versprochen 😉 yourPinnie

Bitte hinterlasse eine Antwort