» » Wie ist es blind zu sein?

Wie ist es blind zu sein?

eingetragen in: Allgemein | 0

Könnt ihr euch vorstellen, wie es wäre wenn ihr all diese bunten Farben nicht sehen könntet? Wie fühlt es sich eigentlich an, blind zu sein? Ich habe versucht, das herauszufinden und bin in eine ganz andere Welt eingetaucht.

Eine Seifenblase, die alle Farben des Regenbogens widerspiegelt, Sonnenstrahlen, die alles um einen herum in goldenes Licht tauchen und die Farben der Natur, die sich von Jahreszeit zu Jahreszeit verändern: helles, luftiges Grün im Frühling, das tiefe Blau des Himmels und das Glitzern des Meers im Sommer, leuchtende Rot- und Gelbtöne im Herbst und das ruhige Weiß des Winters. Aber nicht alle von uns haben das Glück, die Welt so wahrnehmen zu können. Blinde Menschen müssen alles um sich herum mit ihren anderen Sinnen erforschen und kennenlernen und sich in einer Welt ohne Licht und Farben zurechtfinden. Für uns ist das oft unvorstellbar – aber gerade im Hinblick auf das Thema Inklusion sollten wir uns vielleicht öfter damit beschäftigen, wie andere die Welt erleben, uns in sie hineinversetzen und dadurch vielleicht auch lernen toleranter und hilfsbereiter zu werden. Genau das war mein Ziel, als ich mir die Frage gestellt habe: Wie fühlt es sich eigentlich an blind zu sein? Während meiner Recherche bin ich dabei auf zwei faszinierende Projekte gestoßen, die ich euch gerne nahelegen möchte und die mich näher an die Beantwortung der Frage gebracht haben:

Das schwarze Buch der Farben

Das schwarze Buch der Farben ist ein wirklich außergewöhnliches Bilderbuch. Es ist – wie der Name schon sagt – komplett schwarz. Auf der linken Seite jeder Doppelseite gibt es einen kurzen Satz, z.B. „Die Farbe rot ist so süß wie eine Erdbeere und so saftig wie die Wassermelone, und sie tut weh, wenn sie aus seinem abgeschürften Knie quillt“. Das gleiche steht darüber noch in Braille-Schrift, also der Blindenschrift. Auf der rechten Seite jeder Doppelseite sind mit schwarzem Relief-Lack verschiedene Muster und Dinge abgebildet, z.B. Federn oder Erdbeeren. Und am Ende des Buches gibt es eine Übersicht über die Braille-Schrift, jeder kann also versuchen, das Buch ganz ohne Sehkraft zu entdecken, die Braille-Schrift zu ertasten und sich die Farben mit Hilfe von Assoziationen, Erklärungen und dem Ertasten der Reliefs zu erarbeiten.

Übrigens – Die Braille-Schrift heißt so, weil sie im Jahr 1825 von dem Franzosen Louis Braille erfunden wurde, der nach einem Unfall im Alter von drei Jahren selbst erblindete. Weil er sich nicht davon abhalten lassen wollte, Bücher zu lesen und sich weiterzubilden, erfand er diese Schriftart, bei der Punkte in bestimmten Mustern als Erhöhung von hinten in Papier gepresst werden, sodass man ihre Anordnung ertasten kann.

Ich habe Das schwarze Buch der Farben gemeinsam mit meinen Freunden ausprobiert. Beim Anschauen sind uns noch viele andere Einfälle gekommen, mit denen man Farben beschreiben kann, oder die sich wie eine bestimmte Farbe anfühlen. Einer von uns hatte die Idee, dass die Farbe gelb genauso schmeckt wie frische Ananas und nach Sonnenblumen riecht. Und eine andere Freundin fand, dass Weiß sich nach Schnee und einem weichen, gemütlichen Federbett anfühlt. Zum Schluss haben wir uns sogar die Augen verbunden, und versucht die Braille-Schrift zu lernen. Das erfordert richtig viel Geduld und im wahrsten Sinne des Wortes einiges an Fingerspitzen- oder – in meinem Fall – Flossengefühl 🙂 Aber mit etwas Übung wird es immer leichter. 

Jedenfalls hatten wir alle nach diesem Nachmittag das Gefühl, ein bisschen besser verstehen zu können, was es bedeutet, blind zu sein und die Welt ohne Sehkraft zu entdecken. Das schwarze Buch der Farben hat also nicht nur uns, sondern auch unseren Eltern, einen interessanten Nachmittag mit viel Spaß und ganz neuen Erfahrungen ermöglicht. Die Autorinnen Menena Cottin und Rosanna Faría haben ihre Idee wirklich toll umgesetzt und ein etwas anderes, aber ganz und gar fesselndes Bilderbuch geschaffen.

Das schwarze Buch der Farben erscheint bei Fischer Schatzinsel und kostet ca. 20€. Hier könnt ihr es online bestellen.

Ich kann euch Das schwarze Buch der Farben nur empfehlen – ihr habt damit die Möglichkeit, eine ganz neue Erfahrung zu machen und eure eigenen Sinne zu sensibilisieren. Doch nach diesem Nachmittag hatte ich Lunte gerochen, ich wollte noch besser verstehen, wie sich die Welt um mich herum anfühlt, wenn alles dunkel ist, und bin deshalb nach Frankfurt gefahren, zum …

DialogMuseum Frankfurt – Dialog im Dunkeln

Die Idee zu einer Ausstellung, in der es nichts zu sehen, dafür aber umso mehr zu entdecken gibt, kam Andreas Heinecke, dem Initiator von Dialog im Dunkeln, schon vor 25 Jahren. Seit 2005 könnt ihr in Frankfurt 60 – 90 Minuten im Dunkeln verbringen, ohne jegliches Bisschen Licht, und in insgesamt 6 verschiedenen Räumen lernen, den Rest eurer Sinne zu schärfen. In den meisten davon, sind Alltagssituationen nachgestellt. In Gruppen von 8 Personen werdet ihr von einem blinden Guide durch das Dunkel geführt. Um euch zurechtzufinden, müsst ihr Dinge ertasten und euch auf eure Hände und Ohren und Nase zu verlassen. Tatsächlich ist das erstmal ganz schön schwierig und Unsicherheit macht sich breit. Doch je weiter ihr durch die Ausstellung hindurchgeht, desto sicherer werdet ihr. Nicht nur wir, sondern auch andere Besucher waren mehr als begeistert – lest selbst:

 

Sehr „erhellend“! Ich habe einen spannenden „Einblick“ in eine mir „fremde“ Welt erhalten, der einem die „Augen“ auch für das Alltägliche öffnet.

Wahrlich eine Bewusstseinserweiterung und ein neues Verständnis für die Welt der Nichtsehenden. Vielen Dank für diese Erfahrung.

Es war ein Zauber, eine neue Welt. Der Eindruck wird bleiben, schön und unheimlich und man merkt, da ist mehr als man weiß.

Im Dunkeln findet die Fantasie ganz andere Räume und Zeiten…

Die Welt der Blinden und der Sehenden liegt so weit voneinander entfernt, auch wenn wir glauben, nur die eine Welt zu teilen.

 

Übrigens: solltet ihr euch dazu entscheiden, die 90-minütige Spezialtour zu buchen, beinhaltet dies  das Projekt „Klangsaiten“ – ein interaktives Klangereignis! An die Wände eines der Museumsräume sind zwei Instrumente mit insgesamt zehn Saiten gespannt, die von Euch als Besuchern berührt und gestrichen werden können: dabei erklingen überraschende Töne und vielschichtige natürliche Umweltgeräusche und künstliche Klänge. Auf diese Weise entlockt jede Besuchergruppe dem Raum eine eigene Klangskulptur. Vier Mal im Jahr wird ein anderes Programm auf die ‚Klangsaiten‘ gelegt, sodass die Besucher mit jeder Jahreszeit immer wieder neue akustische Räume entdecken können. Ein echtes Gänsehaut-Erlebnis!

Bitte beachtet, dass ihr Euch vorab einen Platz für eine der Touren reservieren müsst. Unter 069/90 43 21 44 könnt ihr Tickets reservieren. Besucht doch auch die Website www.dialogmuseum.de. Hier findet ihr noch mehr Informationen, Öffnungszeiten und weitere interessante Erfahrungsberichte.

 

Sowohl Das schwarze Buch der Farben als auch der Besuch im DialogMuseum Frankfurt haben mir… naja – die Augen geöffnet. Wir machen uns überhaupt nicht bewusst, wie schwierig es ist, sich ohne Augenlicht zurechtzufinden. Dabei ist es in unseren Städten und unserem Umfeld nicht immer möglich, sich als blinder Mensch zurechtzufinden. Obwohl es weltweit fast 40 Millionen* blinde Menschen gibt, tun wir nicht immer alles, was in unserer Macht steht, sie zu unterstützen. Es ringt mir riesigen Respekt ab, wie viele blinde Menschen in Deutschland ein ganz normales Leben leben, arbeiten gehen und gelernt haben, sich so gut zurechtzufinden. Diese Erfahrung kann ich Euch und Euren Kindern nur empfehlen, denn sie erweitert Euren Horizont und macht euch einfühlsamer und aufmerksamer gegenüber blinden Personen!

Versprochen 😉 yourPinnie

 

*Quelle: Info von: www.woche-des-sehens.de

 

 

Bitte hinterlasse eine Antwort